Historisches Schlaglicht

Der 200. Geburtstag des Geophysikers Georg Balthasar von Neumayer

Globetrotter, Idealist und Abenteurer

Veröffentlicht am 24. Juni 2026
Georg Balthasar von Neumayer (1826-1909), 1905, aus: Rudolf Dürrkopp: Hamburgische Männer und Frauen am Anfang des XX. Jahrhunderts. Kamerabildnisse, Hamburg 1905, S. 96.

Georg Balthasar von Neumayer, dessen Geburtstag am 21. Juni 1826 in Kirchheimbolanden heute 200 Jahre zurückliegt, war unter den pfälzischen Wissenschaftlern des 19. Jahrhunderts ein Globetrotter, Idealist und Abenteurer. Gut möglich, dass ihn zu seinen Expeditionen sein berühmter Zeitgenosse Alexander von Humboldt inspirierte, den er wohl zumindest beruflich kannte.

Als Sohn eines altbayerischen* Notars verbrachte Neumayer seine Gymnasialzeit in Frankenthal und Speyer, bevor er 1845 bis 1849 an der Polytechnischen Schule in München sein Ingenieursstudium absolvierte. Danach arbeitete er als Assistent von Karl Joseph Reindl am Physikalischen Institut der Universität München sowie an der Bogenhausener Sternwarte.* In seinen jüngeren Jahren schwankte Neumayer offensichtlich zwischen der Wissenschaft und anderen Berufswegen: Als frenetischer Anhänger der Revolution bemühte er sich 1848 vergeblich um eine Aufnahme in die deutsche Kriegsmarine, auch spätere Anheuerungsversuche bei den Flotten der Niederlande und USA blieben erfolglos, seine Bewerbung für die deutsche Handelsmarine dagegen nicht. Nach einem Südamerikaaufenthalt machte Neumayer in der von dem Astronomen Charles Rümker betriebenen Hamburger Navigationsschule in Rekordzeit sein Steuermannspatent. 1852 fuhr er auf einem Handelsschiff nach Australien, versuchte sich als Goldschürfer und maß beim Murray River den Erdmagnetismus. Seinen Traum der Errichtung eines geophysikalischen-astronomischen Observatoriums mit Sitz in Melbourne zur Durchführung erdmagnetischer Messungen am Südpol unterstützten damals wissenschaftliche Größen wie Alexander von Humboldt und Michael Faraday. Nachdem Neumayer in seine bayerische Heimat zurückgekehrt war, sorgte Justus von Liebigs Fürsprache dafür, dass König Maximilian II. ihm Gelder zur Realisierung des Projekts in Aussicht stellte – unter der Bedingung, dass der Geophysiker erst einmal die Pfalz erdmagnetisch vermessen würde. Nach der erfolgreichen Durchführung dieses und auch anderer Messaufträge im übrigen Deutschland arbeitete Neumayer 1857 bis 1864 erneut in Australien, wo er in Melbourne das private Observatorium „Flagstaff“ gründete und als dessen Direktor erfolgreich ein Netz von erdmagnetischen Messstationen im Bundesstaat Victoria installierte.*

Trotz seiner ausgedehnten Weltreisen hinterließ Neumayer auch deutliche wissenschaftliche Spuren in seiner Pfälzer Heimat: 1868, vier Jahre nach seiner Rückkehr aus Australien, wurde er als in Frankenthal ansässiger Privatgelehrter zum ersten Vorsitzenden der „Pollichia“ gewählt. Diese naturwissenschaftliche Gesellschaft der Pfalz war schon 1840 von 25 Naturforschern gegründet worden – darunter der aus Deidesheim stammende Arzt und Botaniker Dr. Carl Heinrich Schultz als prägende Figur. Neumayer schaffte es durch sein Engagement zunächst bis zur Reichsgründung, die Gesamtzahl der ordentlichen wie außerordentlichen Mitglieder der Gesellschaft auf 500 zu erhöhen. Der 1870 ausbrechende Deutsch-Französische Krieg ließ die Aktivitäten der „Pollichia“ und auch die Neumayers allerdings in den Hintergrund treten. Der Geophysiker kehrte 1872 der Pfalz erneut den Rücken und ging nach Berlin. Nach seiner Ernennung zum Hydrographen der Kaiserlichen Admiralität gründete er sodann in Wilhelmshaven das „Kaiserliche Erdmagnetische Observatorium“. Von dort aus organisierte er u. a. die eine Weltumsegelung umfassende Forschungsexpedition des Schiffs „Gazelle“. Zudem übernahm er ab 1876 die Leitung der „Deutschen Seewarte“ und arbeitete im Feld der Südpolarforschung und Meteorologie.* Einen Hinweis auf das naturwissenschaftliche Niveau, auf dem sich Neumayer bewegte, ist der Umstand, dass die von ihm in der „Pollichia“ etablierten Standards offensichtlich von immer weniger ihrer Mitglieder akzeptiert wurden. Denn deren Zahl betrug 1890 gerade einmal noch 109!*

Nichtsdestotrotz kehrte der 1903 geadelte Georg von Neumayer nach Phasen langer Abwesenheit immer wieder in seine Heimat zurück, wo man ihm als „bedeutendste[m] pfälzische[n] Naturforscher des 19. Jahrhunderts“* für sein Wirken auch Wertschätzung entgegenbrachte. So wurde er 1896 zum Ehrenbürger von Kirchheimbolanden und 1903 zum Ehrenbürger von Neustadt an der Haardt ernannt. Dort starb er schließlich am 21. Mai 1909.*

Christian Decker


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