Bräuche und Feste im Jahreslauf: Der Martinstag
Der dritte Teil unserer diesjährigen Reihe
Der 11. November ist ein Tag, der gleich in mehrfacher Hinsicht eine besondere Bedeutung hat: Bereits seit dem Mittelalter war dieser als einer der Fälligkeitstage für Zins- und Pachtabgaben von großer Relevanz, er gilt heutzutage zudem als Beginn der Fastnachts- oder Karnevalszeit und ist letztlich vor allem als Gedenktag des Heiligen Martin bekannt.
Martinsumzüge mit Laternen, Musikkapellen, Gesang, Feuer und Schauspiel finden mittlerweile rund um 11. November alljährlich in vielen Orten statt und geben Anlass für Aktionen von Kindergärten und Grundschulen. Begibt man sich auf die Suche nach den Ursprüngen dieses Brauchs, gelangt man direkt zur Person des Martin von Tours, um den sich zahlreiche Geschichten und Legenden ausgebildet haben. Er lebte im 4. Jahrhundert nach Christus, war zunächst römischer Soldat, bevor er um das Jahr 370 Bischof von Tours wurde. Schon zu Lebzeiten galt er als ein besonderes Vorbild. Gerade über seine Hilfsbereitschaft und Güte, die sich beispielsweise auch in der weithin bekannten Legende der Mantelteilung widerspiegelt, wurde immer wieder berichtet. Zu seiner Popularität trug sein Biograf Sulpicius Severus bei, ein Zeitgenosse Martins von Tours, der dessen Leben und Taten in der Vita Sancti Martini Ende des 4. Jahrhunderts niederschrieb.
Der 11. November erinnert allerdings weder an den Geburts- noch an den Todestag Martins, sondern an den Tag seiner Beisetzung. Lichterumzüge am Martinstag gab es bereits im ausgehenden Mittelalter. Schulkinder zogen dabei im Andenken an den Heiligen durch die Städte und sangen am Rathaus oder auf dem Marktplatz gemeinsame Lieder. Die Laternenumzüge mit Gesang und Musikbegleitung, einem als Martin verkleideten Reiter auf einem Pferd und der szenischen Darstellung, wie dieser mit einem Bettler, der ihm anschließend als Jesus Christus erscheint, seinen Mantel teilt, entstanden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Rheinland und verbreiteten sich bis ins frühe 20. Jahrhundert auch in weitere Regionen.* In diesem Zeitraum wurden schließlich die heute noch bekannten Martinslieder wie „Ich geh mit meiner Laterne“ oder „Sankt Martin“ populär.
Mit dem 11. November beginnt außerdem die vorweihnachtliche Fastenzeit, das sogenannte Martinifasten. Diese Fastenzeit fand, ähnlich der Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern, als Vorbereitungszeit auf das bevorstehende große Kirchenfest, in diesem Fall Weihnachten, statt. Der Verzehr der Martinsgans an Martinstag oder der Weckmännchen beziehungsweise Hefebrötchen, die bei den Umzügen verteilt werden, sollen stellvertretend für diesen „letzten Genuss“ vor dem Beginn des Fastens stehen.
Um die „berühmten“ Martinsgänse, die am 11. November aufgetischt werden, haben sich im Laufe der Zeit mehrere Geschichten entwickelt. So sollen Gänse beispielsweise den neu gewählten Bischof Martin, der sich im Stall vor seinem Amt verstecken wollte, durch ihr Geschnatter verraten haben, oder sie sollen einen seiner Gottesdienste gestört haben. Solche Erzählungen sind nach dem Theologen Manfred Becker-Huberti, der sich umfassend mit Festen und Bräuchen befasst hat, jedoch erst ab dem 16. Jahrhundert bekannt und demnach als „Sekundärlegenden“ zu bewerten; er sieht den Bezug zwischen Martinstag und Gänsen vielmehr im Zusammenhang mit dem Zinstermin und dem Tag der Pachtabgaben, die sich auch in Form von Vieh oder Getreide gestalten konnten.* Der Martinstag war nämlich nicht zuletzt auch von ökonomischer Bedeutung: Am 11. November wurden nach Abschluss des Wirtschaftsjahres die Zinsen und die Pacht bezahlt, Vertragsabschlüsse getätigt, ebenso stand der Dienstboten-, Knechte- und Mägdewechsel an. Das Geschäftsjahr begann und endete am Martinstag, sprichwörtlich hieß es: „Auf Martini ist Zinszeit“.
Unser „Historisches Fundstück“ aus dem Sammlungsbestand des IPGV zeigt eine entsprechende Belegkarte zu „Martini“ aus der umfangreichen Kartei, die im Zuge der Recherchen und Auswertungen für das „Pfälzische Wörterbuch“ angelegt wurde und hier den Martinstag als Tag für die Pacht kennzeichnet: „Der Pachtzins ist gewöhnlich an Martini fällig.“
Das „Pfälzische Wörterbuch“ wurde ab den 1920er Jahren erarbeitet, eine Veröffentlichung der Ergebnisse erfolgte zwischen 1965 und 1998 in sechs Bänden, später ebenso online. Die umfassende Kartei mit Belegstellen sowie die dazugehörige Materialsammlung, die seit einigen Jahren im Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde aufbewahrt werden, stehen Interessierten zur Benutzung offen und können nach Anmeldung eingesehen werden.
Barbara Schmidt M. A.